Die Schützenhäuser des Fleckens Bodenteich

Auf dieser Seite veröffentlichen wir den Artikel "Die Historische Seite - Die Schützenhäuser des Fleckens Bodenteich" , erschienen im Informationsblatt "Der Bodendiker", Ausgabe 77, Dezember 2019 bis Februar 2020, Seite 7 bis Seite 16.
Mit herzlichem Dank für die Genehmigung und das Bereitstellen des Text-und Bildmaterials an die Redaktion des Bodendiker/Ehrenschatzmeister Helmut Müller.

 


Jetzt, nachdem nach jahrelangem Hin und Her das ehemalige Bodenteicher Schützenhaus nicht mehr als solches bezeichnet werden kann, mit Andrè Russ einen neuen Besitzer hat und jetzt studio21 heißt, lohnt einmal ein historischer Rückblick auf die Vorgängerhäuser an dieser Stelle.

 

Das Erste Schützenhaus

Die Geschichte des Bodenteicher Schützenhauses macht deutlich, wie sich die Ansprüche an solch ein Haus im Laufe der Generationen gewandelt haben. Sie macht aber auch den Wandel von materieller Not bis zum Wohlstand heutiger Taage bzw. gar zum Überfluss sichtbar.
Als man es im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts leid war, die hiesigen Schützenfeste - aus welchen Gründen auch immer -, im Zelt zu feiern, baute die Forstinteressengemeinschaft (auch als sog. Vierundfünfziger bekannt) im
Eichenhain des eigenen Schützenplatzes 1886 das erste Schützenhaus. Es war ein leichter Fachwerkbau, ähnlich dem in Lüder, der noch heute besteht und auch in jener Zeit erbaut wurde. Das Gebäude stand allerdings gegenüber dem Folgebau um 90 Grad gedreht, d.h. der Eingang befand sich in Richtung Süden (Ortsmitte). Das benötigte Kapital von 6.000 Mark lieh man sich von der Spar- und Leihkasse des Königlichen Amtes in Oldenstadt. Immerhin stand es 59 Jahre und hätte noch weitaus länger gestanden, wäre es nicht am 25. März 1945 von der Munitionsexplosion zerstört worden. Das fast baugleiche Schützenhaus in Lüder ist noch heute gut in Schuss.
Schützenhaus und Schützenplatz waren erst 1942 durch Kauf in den Besitz der Gemeinde übergegangen. Für die damaligen Bewohner Bodenteichs bedeutete die Zerstörung des Hauses einen schmerzlichen Verlust, verbanden sich doch mit dem Haus viele, jahrzehntelange emotionale Erinnerungen an ihr geliebtes Schützenfest und weitere Veranstaltungen. Dieser Umstand kam dem schwierigen Schützenhaus-Neubau zugute, wie sich später zeigte. Die Zerstörung des alten Hauses war so total, dass für den Flecken nur ein Neubau infrage kam.
Schützenhaus alt

Das erste Schützenhaus im Jahre 1919 - hier mit unbekannten Jugendlichen, vermutlich eine Pfadfinderngruppe o.ä., rechts im Bild die Häcklinger Straße

Das zweite Schützenhaus

Der neugewählte Rat des Fleckens beschloss am 15.10.1946, das Schützenhaus wieder aufzubauen. In der Folge war es indes ein sehr mühsamer Weg, der bis zum Neubau des zweiten Schützenhauses bewältigt werden musste.Viele Hindernisse waren zu überwinden, bis 1948 offiziell mit dem Neubau begonnen werden konnte. Noch gab es die Reichsmark, aber damit war kein Material zu beschaffen. Als dieses dann zur Verfügung stand, fehlte dem Flecken nach der Währungsunion die neue D-Mark. Immerhin zeitigten die angestrengten Bemühungen den Erfolg, dass die Bodenteicher Bürger mit 350 Handdienstleistungen und 80 Spanndiensten im Herbst 1948 das Fundament fertigstellen konnten. Außerdem wurden 185 Festmeter Bauholz aus dem Gemeindewald zur Verfügung gestellt. Eine Baugenehmigung allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhanden, so dass die Behörde den Bau vorerst stilllegte.

 

Schützenhaus Bau

Das im Bau befindliche Gebäude kurz nach dem Richtfest im Jahre 1949

In dieser Notsituation wandte sich die Gemeinde an ihre Bürger und bildete mit ihnen am 30.6.1949 einen “Kulturverein Schützenhaus Bodenteich e.V.“. 53 Vereinsmitglieder stellten in den ersten drei Jahren ca. 11.000 DM zinsloses Darlehen für den Bau zur Verfügung, so dass auf dem fertigen Fundament endlich weitergebaut werden konnte. Die Maurer von Karl Klinger und die Zimmerleute von Wilhelm Trumpf, beide aus Lüder, und die Bodenteicher Handwerksmeister beeilten sich, sodass am 24.9.1949 das Richtfest gefeiert werden konnte und schon zwei Monate später, am 27.11.1949 – also vor genau 70 Jahren - konnte die feierliche Einweihung mit ca. 1.100 Teilnehmern stattfinden. In der Folge bemühte sich der Flecken – oft erfolglos – um den Erhalt eines Darlehens, um die Finanzierung zu stabilisieren. An diesem Tag wurde auch der Pachtvertrag mit Albert Brunhöfer von 2.200 DM Jahrespacht abgeschlossen. Mittlerweile waren für die Gemeinde Kosten von ca. 59.000 DM angelaufen, die durch die Finanzschwäche des Vereins nur teilweise beglichen werden konnte. Die Handwerker ließen daraufhin größere Teilbeträge ihrer Forderungen einige Jahre stehen. Erst 1954 war man in der Lage, den Außenputz für 2.153 DM von der Firma Kruse, Bodenteich, in Auftrag zu geben. Wie groß die Finanznot war, mag man daran ersehen, dass zum Außenputz auch die Vereinsmitglieder je 20 DM spendeten und dass Handwerkerforderungen bis 1956 nur in kleinen Teilbeträgen, verteilt auf sieben Jahre, geleistet werden konnten.
Ab 1957 erholten sich die Gemeindefinanzen allmählich, so dass die Vereinsmitglieder-Darlehen nach und nach zurückgezahlt werden konnten. Das Haus erhielt immer mehr Zuspruch, nicht zuletzt durch die organisierten Veranstaltungen und Bälle, die zu dieser Zeit noch einen Überschuss erbrachten - Gelder, die in die Finanzierung flossen. Es lohnt sich, an dieser Stelle einmal die Vielzahl der Bälle aufzuzählen, die jährlich nach 1950 stattfanden (wobei eine Vollständigkeit nicht garantiert werden kann), die samt und sonders so gut besucht waren, dass man sich oftmals vorher anmelden musste:

Jägerkompanie 1953

König Hameister (USA, daneben Albert Brunhöfer)) mit der Jägerkompanie, dem Trommel- und Pfeifencorps und Offizieren der Gilde im Jahre 1953 vor dem noch unverputzten Schützenhaus.

Maskerade, Kindermaskerade, Stiftungsfest Gesangverein, Osterball (vom TuS), Tanz in den Mai, drei Bälle zu Schützenfest, Landjugendball, Erntedankfestball, Feuerwehrball, Hubertusball, großer Weihnachtsball und Silvesterball. Dazu kamen noch diverse Bälle mit aktuellem Anlass, ferner Kulturveranstaltungen wie Operettenaufführungen, Lustspiele, Musikveranstaltungen und Aufführungen der Schule. Erinnert sei auch die schönen bunten Abende, die in den Sommermonaten einmal monatlich stattfanden.
All dies waren teils festliche Bälle mit überaus großem Zuspruch von Seiten der Bodenteicher Bevölkerung. Man muss es im Kontex der damaligen Zeit betrachten, als Urlaub und Freizeitaktivitäten noch nicht die Rolle von heute spielten und die Bälle - für jung und auch alt - absolute Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben darstellten. Die rührigen Vereinsvorsitzenden Fritz Lübke und sein Nachfolger Alfred Schaper konnten am 14.10.1961 das Haus in einer feierlichen Zeremonie dem Flecken übergeben. Damit war die Aufgabe der 53 Mitglieder des Kulturvereins Schützenhaus Bodenteich e.V., ein Haus überwiegend für kulturelle Veranstaltungen zu bauen, erfüllt und der Beweis für den starken Aufbauwillen einer kommunalen Gemeinschaft mit dieser Leistung erbracht.

Schützenhaus 1960

Das fertiggestellte Gebäude (noch ohne Gaststätten-Anbau) im Jahre 1960.

Fertig in allen Bereichen war das Haus jedoch noch keineswegs. Die Verantwortung lag jetzt beim Flecken, der in der Zeit von 1963 bis 1970 noch folgende Verbesserungen, Ein- und Umbauten vornahm:

  • Einziehung einer Saaldecke
  • Anschaffung von Öfen anstelle der zu teuren Zentralheizung
  • Raumteiler, Polsterstühle, Beleuchtung, Holzvertäfelungen, Saalbelüftung
  • WC-Ausbau (mit Zuschüssen des Landes)
  • Toiletten-Erweiterung
  • Erweiterungsbau: Küchentrakt und Gaststätte, Toilettenanlagen, Künstlergarderoben u.v.m.
  • 1968 Umbenennung in „Haus des Gastes“
Ab 1957 erholten sich die Gemeindefinanzen allmählich, so dass die Vereinsmitglieder-Darlehen nach und nach zurückgezahlt werden konnten.
Das Haus erhielt immer mehr Zuspruch, nicht zuletzt durch die organisierten Veranstaltungen und Bälle, die zu dieser Zeit noch einen Überschuss erwirtschafteten - Gelder, die in die Finanzierung flossen.

Das dritte Schützenhaus

Erinnerungstafel

53 Bürger bauten 1948 bis 1959 das zweite Schützenhaus nach Zerstörung des vorigen am 25. 3. 1945.

Das dritte Schützenhaus wurde schon 1980/81 nach 30 Jahren in Angriff genommen. Es wurde festgestellt, dass das Haus im Gebälk mit Wurm befallen war; ob dies aber ein wirklicher Grund war, sei einmal dahingestellt und wurde schon damals verschiedentlich angezweifelt, denn wurmbefallene Häuser stehen oft weit über 100 Jahre und fallen auch nicht zusammen. Ein neues Dach (aus heutiger Sicht) und die ein oder andere Verschönerung hätte es auch getan. Sicherlich wäre damit ein größerer finanzieller Brocken auf die Gemeinde zugekommen, jedoch längst nicht so groß wie der geplante Neubau. Aber man wollte in dieser Zeit „hoch hinaus“. Ein in allen Bereichen komfortables Haus sollte es sein; es stand dem aufstrebenden Kurort wohl gut zu Gesicht. Wie dem auch sei: Was die Größe anbetrifft, ist man wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen. Denn zu dieser Zeit war bereits ein leichter Rückgang bei dem Besuch der Bälle zu verzeichnen, der sich in den Folgejahren fortsetzte. Und so kam, was kommen musste: Das architektonisch (Architekt Schwirz, Bodenteich-Heide) recht harmonische und für weite Teile der Bevölkerung liebgewordene, vertraute Schützenhaus wurde abgerissen (bis auf den Gaststätten-Anbau, der im neuen Haus integriert wurde). Ein Neubau entstand an dieser Stelle.

Gedenktafel

Eingelassen in die Wand auch des dritten Hauses: Eine Erinnerungstafel an den Wiederaufbau mit den Namen der Bürger, die sich besonders einbrachten. Diese Tafel ist im renovierten Saal in der Wand eingelassen.

Die Gesamtkosten des Baues von über drei Mill. DM waren von Rat und Verwaltung nicht leicht zu verkraften, auch wenn der Landkreis über seine Beteiligung an der Kur-GmbH wirkungsvoll mitgeholfen hat. Am 15.5.1981 fand die Eröffnungsfeier mit vielen Gästen und allen Handwerkern statt. Auch das Musikcorps des BGS und die Jagdhornbläser umrahmten die Veranstaltung, als die Schlüsselübergabe durch Architekt Günther Gröhn erfolgte.
In den Folgejahren wurde das Haus, genau wie sein Vorgängerbau, zum Mittelpunkt zahlreicher Veranstaltungen. Auch war der Saal wegen seiner Größe als Alleinstellungsmerkmal oftmals Austragungsort für Großveranstaltungen, Bälle, Versammlungen, große Hochzeiten u.v.m.   
Dies änderte sich mit den Jahren: Bälle waren nicht mehr wie ehedem gefragt und die Wirtschaftlichkeit des Hauses ging zurück, es wurde zu einem Zuschussbetrieb für den Flecken. Hinzu kam ein undichtes Dach - sichtbare Eimer unter der Decke mussten das eindringende Wasser aufnehmen.
Die Folge war eine zunehmende Schimmelbildung - nichts Dramatisches, wie später festgestellt wurde, aber Grund genug für Ratsmitglieder aus der Minderheitsfraktion und die regionale Presse, das Haus schlechtzureden und es als marode hinzustellen. Populistische, demonstrative Auftritte in Schutzanzügen und Mundschutz waren äußerliches Zeichen in dieser Phase. Die Forderung nach Abriss und einem zweckmäßigen Neubau wurde laut, was zu diesem Zeitpunkt ohne Fördergelder aber nie zu finanzieren wäre. Kurz: Das Haus, für dessen Weiterbestehen es offensichtlich keine Lösung gab, wurde zum Streitobjekt und teilte die Bevölkerung in Pro und Kontra. Die Folge war, dass das Haus geschlossen wurde, wobei die Leidtragenden die vielen Vereine und natürlich die Gilde war, die gewissermaßen „ihre Heimat verloren hatten“ mit dramatischen Folgen insbesondere für die Schützengilde.
Glücklicherweise hat die Mehrheitsfraktion im Rat trotz vieler Widerstände am Erhalt des Hauses festgehalten. Der Erfolg stellte sich einige Jahre später ein: Das Haus wurde verkauft an Andrè Russ und damit an einen Investor, der mit viel Liebe, Verstand und noch mehr finanziellem Aufwand das Haus in einen Zustand vom Allerfeinsten versetzte, umbaute, renovierte und nicht nur dem Flecken sondern auch allen Vereinen und Verbänden damit wieder einen Mittelpunkt und ein Zuhause schuf.

 

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